Ein Reisebericht: Malta im März 2020

In ein fremdes Land zu reisen ist wie nach Wochen des im Bett Liegens erstmals wieder in den Spiegel zu schauen: Man hatte vergessen, wie man aussieht und ein wenig erschrickt man. So war man nicht in Erinnerung geblieben, so hatte man sich niemals sehen wollen.

2.3.20

Wir sind gut angekommen. Bahn – S-Bahn – Flug – Hoteltransfer mit dem Bus. Alles Picobello. Ich gucke in den Spiegel, der direkt vor mir hängt und finde mich sympathisch. Ungegeltes Haar. Bartansatz. Hemd. Nichtssagender Blick. Das bin ich. Jemand, vor dem niemand Angst haben braucht.

Ich starte meinen Spaziergang vom Schreibtisch meines Hotelzimmers aus. Den Stuhl habe ich eigens dorthin gestellt, wo er nun steht. Das ist schon was. Draußen ist strahlend blauer Himmel. Ich habe keine Sonnencreme eingepackt. Die Möbel sind aus Holz, der Stuhl aus Metall. Im Bad eine Badewanne mit Duschvorhang. Ich sage Bescheid, dass ich jetzt gehe.

Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich fertig aus. Ich bin zurück. Ich habe mir Wasser und Sonnencreme gekauft, für 4,50 € und bin stolz auf mich. Hätte vielleicht sogar noch mehr Wasser kaufen können. Ein kleiner brauner Vogel hüpfte über eine Stromleitung. Land im Aufbruch. Klein und gemütlich, der Laden, aber sie hatten alles, bloß Sonnencreme musste die Frau erst suchen. Sie war sehr nett. Zwischenzeitlich kam eine andere Kassiererin. Der Laden war aufgeteilt in Wasch- und Pflegemittel und Lebensmittel.

Ich bin nur einmal um den Block gelaufen, weil ich Angst hatte, nicht mehr zurückzufinden.

3.3.20

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Habe Halsschmerzen. Will bemuttert werden, will nicht bemuttert werden. Ich habe einen Klos im Hals. Ich mag den Blick in den Spiegel heute nicht und ich mag das Schlucken nicht. Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich einen Mann, der kämpft und leidet und Angst hat zu verlieren. Wie mein Vater. Wenn ich einen Spiegel sehe, schaue ich rein, denn ich halte mich selbst für schön und attraktiv. Dabei bin ich ein Idiot, der mit schräger Mütze rumläuft und sich zum Affen macht. Ich habe Hunger. Fühle mich nicht wohl. Drohnenalarm in Frankfurt. Da haben wir echt Glück gehabt. Heute Abend in die Oper. Mh. Nur die Poesie regt zur Poesie an.

4.3.20

Heute schreibe ich im Bett. Gestern im Theater fiel eine Lampe runter. Wie im Film eigentlich. Im Spiegel sehe ich mich heute nur ganz am Rand. Ansonsten ist er leer. Was natürlich nicht stimmt. Ein Spiegel kann nicht leer sein, genau so wenig, wie er voll sein kann.

Mein Kopf formuliert Sätze und diktiert sie mir. Ich habe Hunger. Gestern um drei das Letzte gegessen. Quäle mich. Geht aber. Nur Kaugummi gekaut. Auch mit Zucker. Bleibe fett. Habe keine Lust auf den Tag, weil ich ich bin. Komme da nicht raus. Weiß nicht, was ich machen soll. Gestern die Oper fand ich gut. Eifersucht, Liebe und am Ende zerstört Otello alles, was ihm wichtig ist: Desdemona und sich selbst. Dabei spielt ein gefälschter Brief eine Rolle. Drüben klingelt ein Handywecker. Morgen werde ich verschlafen. Da bin ich mir sicher. Mein Bauch ist leer, aber dick. Ich mache mir viele Gedanken um ihn. Mann, Mann, Mann.

Später

Ich sitze in Mdina. Ein leichter Wind weht. Der Schokoladenkuchen schmeckt super. Malta ist klasse und dreckig. Anscheinend fehlt Geld für eine anständige Städtereinigung.

Ich beobachte Eltern mit Kind, verbissen auf der Suche nach der dringend nötigen Erholung vom anstrengenden Alltag.

Vielleicht bin ich überheblich. Sorglos. Kann Dinge tun, die ich will. Das ist immer noch ungewohnt für mich.

Wieder im Hotelzimmer

Ich bin müde. Loch im Magen. Ein Drücker auf den Schalter und das Zimmer ist dunkel. Heute an den Klippen gewesen. Blick aufs Meer. Grenze zwischen Land, Wasser und Wolken. Magie. Ozeanisches Gefühl. Wind. Sturm. Wellen. Blauer Himmel, helle Steine. Sonne und Mond waren gleichzeitig zu sehen. Gute Stimmung in der Klasse. Billiard spielen, Tee trinken. Frische Luft. So weit das Auge reicht Schönheit. Überwältigend. Meer, also Wasser, endlos. Steine, massiv, hart, sie waren vor uns da und sie werden nach uns sein. Gefühl von Dauer, Festigkeit, Vergänglichkeit. Die Angst, dass im nächsten Moment einer runterstürzt.

5.3.20

Abends

Im Fernsehen singen die Sugababes. Oder eine andere Frauencombo. In der Ecke sitzt Einer, der auf sein Handy schaut. Der Mann an der Bar spielt seine Sprachnachrichten viel zu laut ab. Eben lief Beyoncé. Ich bin gerade richtig müde und zufrieden. Der Alte in der Ecke hat sich ein weiteres Bier geholt. Und sich dabei nach dem Namen des Barmanns erkundigt. Ivan heißt er. Er trägt ein hellblaues Hemd. Bart. An einer Stelle aber eine Unregelmäßigkeit. Entweder keine Haare oder verfärbt, wie bei mir. Im Hotel fühle ich mich sicher, weil ich mich da nicht verlaufen kann.

Der andere Barmann ist viel dünner, mit kariertem Hemd. Und seine Bewegungen sind zackiger, am Rande zum hektisch werden. Die des anderen sind gemächlicher, fließender, wirken aber behäbig. Kariert kann nichts in Ruhe machen. Er kann selbst nicht zur Ruhe kommen. Bleibt immer in Bewegung.

Es gibt so viele Dinge, die nehmen wir einfach hin, ohne ihnen auf den Grund zu gehen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich weiß gar nichts. Das entblößt mich. Jetzt läuft Jay-Z und ich könnte weinen, weil der Kaffee seine Wirkung entfaltet und alles, alles so schön ist.

Alle Häuser auf Malta haben Namen sagt der Barmann, aber in Valetta habe ich viele Häuser gesehen, die keinen haben. Das habe ich ihm das aber nicht gesagt, weil ich keine Lust hatte auf die Sprachlosigkeit zwischen uns beiden, die sich einstellt, wenn nicht klar ist, wer mit seiner Weltsicht Recht hat.

Das dritte Bier für den Alten. Shakira. Erste Klänge, mein Kopf geht Richtung Fernseher. Sogar der Barmann tanzt ein bisschen.

6.3.20

Letzter vollständiger Tag auf Malta. Mein Mind-Set muss sich erst zusammenbauen. Wer bin ich nochmal? Ich schreibe gerne, habe zwei Kinder, bin glücklich verheiratet, unser Vorgarten ist eine Baustelle.

Heute steht die nachhaltige Mülldeponie auf dem Programm und ich will Straßenkatzen und vielleicht Pferde fotografieren. Eigentlich müsste ich mal wieder duschen. Korrigieren. Frühstücken. Das volle Programm. Weiß noch nicht, ob ich heute Abend abgehen soll oder nicht.

Später

Wenn ich in den Spiegel blicke, gefalle ich mir. Frisch rasiert im Barber Shop. Haare kurz. War glücklich dort. Bin glücklich jetzt. Es ist kurz vor fünf. Letztes Jahr Tansania, jetzt Malta. Nächstes Jahr vielleicht Weimar. Morgen zum Glück zurück. Habe zum Schreiben keine Lust. Will aber schreiben, um das Heft voll zu bekommen. Will heute Abend nicht feiern gehen und mache es vielleicht trotzdem.

Das Leben ist zu schön, um es sein zu lassen. Problematisierung ist ein schweres, ein sperriges Wort. So wie: Steuererklärung, Hasspredigt oder Gardinenstange. Deutsch ist keine schöne Sprache, aber ich liebe sie, weil sie sich von Anfang an um mich gekümmert hat. Wir lagen auch schon mehrmals zusammen in einem Bett, ohne dass es einmal obszön geworden wäre.

Was ist Obszönität? Wenn es anmaßend und unangenehm wird. Meine Sprache ist bisweilen steif, aber andere sind noch steifer.

Ich schreibe, weil ich es kann, weil es mich auszeichnet, weil es mein Zeitvertreib ist und ich so mit der Welt in Kontakt komme. Ansonsten ziehe ich mich in mich zurück und lasse niemanden an mich heran.

Letztendlich geht es in der Kunst und im Leben immer darum, die Kontrolle zu verlieren, aber ohne dabei kaputt zu gehen. Denn es gibt viele kaputte Gestalten. Andererseits: Vielleicht haben die auch mehr vom Leben verstanden. Sie sind außerhalb der ständigen Qualitätskontrolle, weil sie sowieso durchgefallen sind. Aussetzer, Macken in der Psyche öffnen uns auch für die Wirklichkeit, weil wir uns nicht mehr darauf verlassen können, wie es immer war.

7.3.20

Wieder zusammenbauen. Draußen stehen Häuser. Aus Malta. Ich sitze in einem und schreibe. Mal wieder. Maltesisch kann ich nicht. Will einfach normal sein.

Umso länger Worte sind, desto abstrakter sind sie. Kleines, Anschauliches verbindet uns direkt mit dem Leben. Noch kürzer, noch anschaulicher als das Leben ist nur der Tod. Er ist so konkret wie sonst nichts. Er lässt sich schönreden, deshalb gibt es Religionen, aber der Preis ist hoch, ihn zu leugnen. Tausende, nein, Millionen von Menschen starben und sterben in Folge von Krieg, Hunger, Krankheit, Unachtsamkeit.

Es gibt im Künstlerischen keine allgemein anerkannten Wertmaßstäbe. Alles ist miteinander verbunden. Immer ready. Das halbe Heft ist voll. Schreiben. Abschiednehmen. Leben. Hin und her. Aufmerksamkeit und Erwartungen. Mix of cultures. Typen und Vorurteile brauchen wir. Quatsch. Wir müssen loslegen. Keine Angst haben. Selbstständigkeit und Weiterentwicklung. Korrekturen, Lesen und Schreiben und mit der Wirklichkeit in Kontakt bleiben. Manchmal passt alles. Dieses Gefühl festhalten und kleinbröseln, damit es in eine Brotdose passt. Beyoncé, Natascha Bedingfield, Pink, Pink Floyd, Nickleback, N´Sync. Eminem, Macklemore, Jay-Z. Autos, Linksverkehr, Himmel, Kakteen, zerbrochene Mauern, Tempo 70, Der Busfahrer, ein freundlicher Mann. Transporter mit Schrott drauf. Rap im Radio. Bäume, die ich nicht kenne. Kreisverkehr. Fahrradwege sind grün. Gelbe Hinweisschilder. Gelbe Blumen. Gebäude. Immer wieder Betonmischer. Verkehr. Ein Daihatsu auf dem Weg zum Flughafen. Zwei Menschen umarmen sich. Maurelli und Makita. Hämmer und Palmen. Ein Opel, ein Kia. Gleich sind wir da. Lufthansa. Nach Frankfurt. Ich muss pinkeln. Sehe Ford, Peugot, Kimbo, DeeMediatv, Goodyear, Tattoo, Casa Romantica, fxb.com.mt, Mario Auto Dealer LTD. Chevrolet, PC Motors, Radio, Goodyear, Roller, Opel. Ein Container, grün, vor uns. Defender, Mercedes, Galaxy, Shell Tankstelle. Homemark. AGR. Grohe, Pure Freude am Wasser. Sage, Matthew´s, Second Hand, Grafitti. Ta´ Jones, Montecristo. Dreispuriger Kreisverkehr. S. Curmi&Sons, Zebrastreifen, Ventilation, The Convenience Shop, Pastizzeria, Agip. Der Blick bleibt am Bekannten haften. Beschleunigen. Stop. Astra, rote Bremsleuchte. Bäume, Scheibenwischer, gelbe, okkafarbene, orange, heruntergekommene, schöne Gebäude. 

Lutz Hermann, im März 2020

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