Rechtsradikale Äußerungen im Unterricht II

In meinem letzten Essay habe ich geschildert, wie Fabian (Name geändert), einer meiner Schüler den Satz „Dann bleibt eigentlich nur noch zu sagen: Ausländer raus.“ gesagt hat und wie ich darauf reagiert habe.

Aber warum habe ich eigentlich ein Problem damit und warum bin ich mir so unsicher, ob ich richtig reagiert habe?

Zunächst zur ersten Frage. Ich will, dass meine Kinder friedlich aufwachsen können. Eine Gesellschaft, die unwidersprochen die eben zitierten Worte zulässt, scheint mir nicht geeignet zu sein, diesen Frieden dauerhaft zu gewährleisten.

Nun zur zweiten Frage: Tief in mir drin bin ich selbst verunsichert, auch wenn ich mir es nach außen nicht anmerken lasse. So stelle ich mir folgende Fragen: Hege ich nicht selbst dann und wann Vorurteile gegen sogenannte „Ausländer“? Ist es nicht schon falsch, dass ich zwischen „Ausländern“ und „Deutschen“ unterscheide. Rede ich nicht selbst auch am liebsten mit Menschen, die einwandfrei meine Sprache sprechen? Spüre ich nicht selbst manchmal das Gefühl, mich aufgrund meines Aussehens, meiner Stellung in der Gesellschaft, meiner Sprachfähigkeit für etwas Besseres zu halten, wenn ich an einem dunkelhäutigen Straßenarbeiter vorbegehe? Alle Fragen beantworte ich mit „Ja“, auch wenn ich weiß, dass ich mich dadurch angreifbar mache.

Und dabei bin ich durch festes Einkommen, feste Partnerin und eigenes Haus so privilegiert, dass ich mich noch nicht mal in Konkurrenz sehe, zu denen, die ich als „anders“ wahrnehme. Wie muss es aber für jemanden sein, der schlecht verdient und nicht weiß, ob er den gelernten handwerklichen Beruf ein Leben lang körperlich und mental durchhält? Wie ist es für jemanden, der keinen festen Partner hat und nicht weiß, ob er einen findet? Wie ist es für jemanden, der sich aufgrund seines niedrigen Einkommens kein Haus, vielleicht nicht einmal eine Mietwohnung leisten kann, die ihm gefällt?

Ich glaube, so jemand ist, was seine Zukunft anbelangt, enorm verunsichert und sieht viele Menschen als Konkurrenten, die ihm vielleicht das wegnehmen könnten (Job, Partner, Wohnung), was er vielleicht auch ohne sie niemals bekommen würde.

Es gibt einen weiteren Aspekt, der mich verunsichert: Fabians Aussage, sein Satz wäre nur ein Spaß gewesen. Ich halte es tatsächlich für möglich, dass er seine Aussage als Spaß gemeint hat. Meiner Meinung nach macht es das nicht besser. Aber: Die Bandbreite dessen, was Menschen zueinander im Spaß sagen (können), ist groß. Schüler erzählen mir, sie würden sich in ihren Werkstätten immer wieder gegenseitig als „Arschloch“, „Kanacke“, „Nazi“ oder „behindert“ titulieren und es sei allen Anwesenden bewusst, dass es sich dabei um einen Spaß handele.

Das, was ich mir in der Realität lebhaft vorstellen kann, erscheint mir in geschriebener Form ungeheuerlich. Und trotzdem weiß ich: Auch ich rede mit Freunden oder Arbeitskollegen anders, wenn wir unter uns sind, als wenn ich vor einer Klasse stehe. Wir reden dann umgangssprachlich, manchmal vulgär, manchmal auch zotig.

Dennoch: Es geht bei der Parole „Ausländer raus“ nicht um eine Frage des guten Geschmacks. Es ist ein Aufruf, der nicht bloß ausgrenzt, nein, er ruft vielmehr zum aktiven Ausschließen auf. Dieses Ausschließen kann vielfältig aussehen: Sticheleien am Arbeitsplatz oder in der Schule, Boykott einzelner Geschäfte, Hetzjagden (real oder medial), organisierte Forcierung einer rigorosen Abschiebepolitik.

Ich finde, es ist wichtig, dass Menschen sagen und sagen können, was sie denken, fühlen und glauben. Zu diesem „sagen können“ gehört aber zweierlei: Zum einen die Erlaubnis etwas zu sagen. Dieser Punkt ist in Deutschland im Wesentlichen durch Gesetze geregelt. Zum anderen, dass ich die Fähigkeit besitze, das zu sagen, was ich denke, fühle, glaube. Und an dieser Stelle hat mein Unterricht in Fabians Handwerkerklasse vielleicht am ehesten versagt. Vielleicht hat Fabian ja Folgendes sagen wollen:

„Ich fühle mich unsicher, wenn ich die momentane gesellschaftliche Lage beobachte. Viele Menschen aus völlig unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen kommen nach Deutschland. Sie müssen versorgt, ausgebildet und beschäftigt werden. Ich selbst habe schon schlechte Erfahrungen mit Geflüchteten gemacht. Vieles ist aber auch Halbwissen und Stimmungsmache bestimmter Medien. Außerdem hätte ich gerne einen besseren Arbeitsplatz, eine Freundin, die mich liebt und ein neues Handy. Aber zumindest die Anzahl guter Arbeitsplätze und liebevoller Freundinnen ist begrenzt. Ich habe Angst, dass, wenn mehr Menschen nach Deutschland kommen, weniger für mich selbst bleibt. Ins Ausland gehen möchte ich nicht, weil ich außer Deutsch keine Sprache gut beherrsche und weil ich Angst habe, dass man mich dort nicht akzeptiert.“

Es war nicht genügend Zeit am Ende des Unterrichts, um all das zu sagen. Vielleicht hat er in der Eile auch nicht die Worte gefunden, um all seine Gedanken, Gefühle, Befürchtungen und Hoffnungen angemessen auf den Punkt zu bringen. Vielleicht beließ er es deswegen bei dem Satz: „Dann bleibt ja eigentlich nur sagen: Ausländer raus.“ Obendrein kaschierte er seine Aussage als schlechtgemeinten Witz, fast so, als würde er sich selbst nicht ernstnehmen.

Ich frage mich, was Fabian heute macht. Wie wird er über unsere Auseinandersetzung denken? Geht es ihm gut? Ich wünsche es ihm. Und ich glaube verstanden zu haben, dass auch seine Lage keine einfache ist und dass man beim Versuch, seine Befürchtungen und Ängste zum Ausdruck zu bringen, allzu leicht als „Nazi“ abgestempelt wird. Ich wünsche mir, dass wir das nächste Mal mehr Zeit haben und Ruhe, um über das zu reden, was uns wichtig ist. Ich wünsche mir von ihm (auch, wenn er das hier vielleicht nicht lesen wird oder sich aufgrund des geänderten Namens nicht angesprochen fühlt), dass er mir den Ärger verzeiht, den ich ihm eingehandelt habe und dass er sich trotzdem klarmacht, wie wichtig es ist, miteinander zu leben, statt sich gegenseitig auszuschließen.

PS: Die CDU/CSU hat auf meine Beschwerde, auf ihrer Seite werde Hans-Georg Maaßen immer noch als aktueller Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz geführt, noch nicht reagiert. Ich bleibe an der Sache dran.

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