Rechtsradikale Äußerungen im Unterricht

Es war zu Beginn des Schuljahres 2018/19. Mit einer Klasse angehender Handwerker, die alle kurz vor der Gesellenprüfung standen, las ich im Deutschunterricht „Die Welle“ von Morton Rhue. In dem Buch zeigt ein Lehrer seiner Klasse, wie leicht es geht, seine Selbstbestimmung aufzugeben und blind einem Führer zu folgen. Ein paar Tage vorher hatte es in Chemnitz einen Mord gegeben und als Reaktion darauf hatten Menschen andere Menschen durch die Straßen gejagt. Ich unterrichtete nur eine Stunde pro Woche in der Klasse und sowohl sie als auch ich waren nicht sonderlich motiviert. Dennoch gelang es mir, an einem Donnerstagmorgen, eine Diskussion in Gang zu bringen. Ich weiß nicht mehr, mit welchem Impuls oder welcher Fragestellung ich die Diskussion angestoßen habe, vielleicht ging sie auch von einem Schüler aus, jedenfalls redeten wir plötzlich über Flüchtlinge. (Das war 2018 ein Thema, in das man in jede noch so müde Klasse etwas Schwung bringen konnte. Mea culpa: „Was denkt ihr zu dem Thema „Flüchtlinge“?“ Und wieder waren 20 Minuten gefüllt.) Einige Schüler erzählten, was sie für schlechte Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht hatten. Eine Schülerin berichtete, dass in ihrer Verwandtschaft jemand Wohnungen an Flüchtlinge vermietet habe und diese in einem schlimmen Zustand verlassen worden seien. Andere Schüler nickten bestätigend, wieder andere waren bemüht, das Ganze etwas differenzierter darzustellen. („Es gibt auch Deutsche, die Wohnungen übelst zurichten.“)

Und was habe ich getan? Ich weiß es nicht mehr genau. Wahrscheinlich habe ich versucht zu moderieren. Habe „drangenommen“ und für Ruhe gesorgt. Vielleicht habe ich darauf hingewiesen, dass verallgemeinernde, diskriminierende und letztlich ausgrenzende Aussagen über Flüchtlinge zu dem führen, was ein paar Tage in Chemnitz vollzogen wurde: Gewalt auf der Straße. (Zuerst habe ich schreiben wollen „was in Chemnitz passiert ist“, aber das hätte geklungen, als habe niemand etwas dafür gekonnt, etwa, wie wenn ein Blitz in einen Baum einschlägt.) Und ich kann mich noch gut an meine Worte erinnern, die eigentlich die Diskussion abschließen und den Unterricht beenden sollten: „Ich danke euch, für eure Mitarbeit und finde es gut, dass ihr ehrlich eure Meinung gesagt habt.“ (Ich kann mich deswegen so gut an diese letzten Worte erinnern, weil ich die Geschichte schon so oft erzählt habe.) Dann aber setzte Fabian[1] noch einen oben drauf: „Dann bleibt ja eigentlich nur noch eins zu sagen: Ausländer raus.“

Ich ging mit ihm zum stellvertretenden Schulleiter. Dort hatte er, glaube ich, Angst, sein Vater würde von der Angelegenheit erfahren. Er warf uns vor, er dürfe seine Meinung nicht frei äußern. Er stellte es als Spaß dar. Eine Woche später wiederholte sich der Vorfall. Fabian war nicht da. (Ihn sah ich das gesamte Schuljahr nicht mehr in meinem Unterricht.) Dafür sagte Max: „Ausländer raus.“ Auch hier weiß ich den genauen Zusammenhang nicht mehr. Ich glaube, ich wollte mit der Klasse den Vorfall von der Vorwoche besprechen. Auch mit ihm ging ich zum stellvertretenden Schulleiter. Er betonte noch stärker, es habe sich doch lediglich um einen Spaß gehandelt.

Was haben wir da eigentlich gemacht? Ich fasse nochmal zusammen: Ein Lehrer, eine Klasse, die beide keine große Lust auf Unterricht haben. Ein Buch, das sich leicht lesen lässt und vermeintlich in die Zeit passt. Eine Diskussion. Ein Schüler, der „Ausländer raus“ sagt. Ein zweiter, der sieben Tage später seine Worte wiederholt.

Ich ringe mit mir. Habe ich in diesen Situationen richtig gehandelt? Ich glaube, ich habe meine Stellung deutlich gemacht, habe gezeigt, dass ich diese Worte in meinem Unterricht nicht toleriere. Ich habe dann versucht zu erklären, dass es sich nicht um einen Diskussionsbeitrag handelt, sondern um eine Parole, die die gesellschaftliche Atmosphäre vergiftet. Aus Worten werden Taten und Worte bereiten einen Raum, in dem Gewalt gedeihen kann. Aber ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, meinen Schülern das zu vermitteln.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, habe Schuldgefühle, werfe mir vor, durch meine unmotivierte Haltung im Unterricht den Weg für diese Parole bereitet zu haben. Ich wollte die Unterrichtszeit rumbringen. Habe mein Geld kassiert, ohne meinen Bildungsauftrag (ausreichend) ernst zu nehmen. Mea culpa.

Ich suche nach Ausreden. Rede mir ein, andere Kollegen hätten noch lascher gehandelt. Was heißt hier eigentlich „lasch“? Insgeheim habe ich die Vorstellung, ich hätte den Schüler für seine Aussage härter bestrafen müssen. Hätte das geholfen? Hätte ich ihm durch eine Strafe klarmachen können, dass es wichtig ist, andere Menschen zu tolerieren? Ich glaube nicht. Ich glaube, ich habe in Fabian eine Abwehrhaltung erzeugt, die es ihm unmöglich gemacht hat, weiter mit mir zu kommunizieren.

Meine Gedanken drehen sich immer wieder um den Schüler und mich. Aber was ist mit den Menschen, die die Hetzjagden durch Chemnitz durchgeführt und vielleicht sogar organisiert haben? Sie haben einen großen Anteil daran, dass extremistisch motivierte Gewalt in meinem Klassenraum diskutiert werden konnte und musste. Und welche Rolle spielte der damalige Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz Hans-Georg Maaßen, der kurz nach den Ereignissen in Chemnitz Zweifel streute, indem er behauptete, die Nachrichten von den Hetzjagden seien gezielte Fehlinformationen? Durch diese Aussage hat er rechtsextremistisch gesinnten Bürgern die Möglichkeit eröffnet, im öffentlichen Raum auch diese Position zu beziehen und sich dabei auf einen sehr ranghohen Beamten zu berufen. Und wie ist es mit Maaßen weitergegangen? Wenn ich es richtig erinnere, ist er wegbefördert worden. Ich gebe, um sicher zu gehen, seinen Namen bei Google ein und gelange auf die Seite https://www.cducsu.de/veranstaltungen/referenten/dr-hans-georg-maassen (zuletzt aufgerufen am 07.05.2020 um 22:36). Dort wird Maaßen als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz geführt. Habe ich jetzt etwas nicht mitbekommen oder spinnt diese Seite?

Ich habe mich auf anderen Seiten vergewissert, dass Herr Maaßen nicht mehr der aktuelle Präsident ist, sondern in den Ruhestand versetzt wurde. Der CDU-CSU habe ich über ihr Kontaktformular folgende Nachricht zukommen lassen:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

ist Ihnen bewusst, dass wenn ich „Hans-Georg Maaßen“ bei Google suche, ich auf eine Unterseite der Domain www.cducsu.de gelange, die Hans-Georg Maaßen als Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungschutz bezeichnet.

Es handelt sich um folgende Seite:

https://www.cducsu.de/veranstaltungen/referenten/dr-hans-georg-maassen

Ich finde diesen Zustand untragbar, da Herr Maaßen durch seine Äußerungen zu den Hetzjagden in Chemnitz im Jahr 2018 das Spektrum öffentlicher Äußerungen deutlich nach rechts erweitert hat.

Bitte aktualisieren Sie Ihre Seite.

Mit freundlichen Grüßen,

Lutz Hermann“       

Ich geben ihnen bis zum 14. Mai Zeit und schreibe meinen Text dann weiter.

Lutz Hermann, im Mai 2020


[1] Alle Schülernamen sind geändert.

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