Der Schwund der Baskerville

„Nach mir nichts mehr“, schrieb Roman Baskerville in das Familienbuch und zog einen dicken Strich dahinter. Er, das Einzelkind, konnte das mit Bestimmtheit sagen. Wer sollte denn nach ihm kommen? Selbst sein Hund war kastriert und auch er würde sich nächste Woche von seinem Arzt die Samenleiter durchschneiden lassen. Es war also alles gut. Alles? Nein, nicht alles. Noch immer musste er seinen Eltern erklären, warum mit ihm alles aus sein würde. Sicher, seine Eltern waren auch keine Vorzeigeexemplare der Baskervilles. Sie hatten vom Herrschaftlichen Anwesen der Großeltern in eine Wohnung in die Stadt ziehen müssen, hatten viele Ländereien und einen Teil des Gestüts aufgegeben. Seinem Vater hatte das Schicksal schwere Stunden bereitet. Die Wirtschaftskrise, der Einbruch des Immobilienmarktes und einige Intrigen, die gezielt gegen seine Person gerichtet waren, hatten es ihm schwer, ja unmöglich gemacht, das Imperium des Großvaters aufrechtzuerhalten oder gar auszubauen, wie sein Vater es mit dem Erbe seines Vaters getan hatte.

Seinem Onkel hatte Roman nacheifern wollen, aber das war keine Option. Dieser, dem Theater zugeneigt, hatte sein Leben selbst nicht im Griff, gab sich zunächst Schauspielerinnen, dann immer leichteren Mädchen hin und verendete schließlich im Drogensumpf des Bahnhofsviertels. Mit ihm verfuhr man, wie man in diesen Kreisen mit schwarzen Schafen schon immer verfahren war: Man schwieg ihn tot.

Seine Tante war der Familie treu und loyal ergeben, aber auch sie war, aufgrund ihres Geschlechts keine Option, den Familienruhm zu bewahren, geschweige denn zu mehren.

Und so hatte sich alle Hoffnung auf Roman gerichtet. Er war der Stammhalter und sollte der neue Vorzeigebaskerville werden. Als er mit sieben Jahren einen Limonadenstand im Park eröffnete, funkelten die Augen des Vaters, ob dieses früh erwachten unternehmerischen Geistes. Als Roman abends ohne Einnahmen, dafür den Bauch voll Limonade und das Herz voller Geschichten zurückkam, weinte der Vater heimlich. Roman erzählte, er habe eine Frau gesehen, die eine andere Frau auf den Mund küsste. „Mutti, das musst du dir einmal vorstellen, eine Frau eine Frau“, hatte er gerufen und dabei den Mund süß zu einer Schnute gespitzt. „Und ich habe gesehen, wie ein Mann im Park die Tauben fütterte und als sie satt waren, legte er seinen Mantel ab und flog mit ihnen davon.“ Romans Augen leuchteten. „Und Mutti! Ich habe den Gendarm gesehen, wie er einen Räuber festnahm. Der Mann hatte einen dunklen Bart und sah ganz und gar böse aus.“ Seine Mutter räumte eine Tasse in den Schrank. „Mutti, Mutti, das musst du dir vorstellen.“, sagte Roman mehr zu sich selbst als zu ihr. Solche und viele weitere Geschichten erzählte der kleine Roman und vergaß darüber ganz die Bauchschmerzen, die ihm die viele Limonade eingehandelt hatte.

Am nächsten Tag wollte er wieder losziehen. Der Vater verbot es ihm. Stattdessen ließ er ihn ausrechnen, wieviel Limonade er kaufen könne, bis das Vermögen der Baskervilles versoffen sei. Die Zahlen, die der Vater Roman gab, zum addieren und berechnen, waren nicht sonderlich groß, aber nach Rechnen stand Roman der Sinn nicht und er war ja auch erst sieben und hatte viel lieber in den Park gewollt und scheiterte beim dritten Anlauf. Für ihn war die Aufgabe unlösbar. Wie sollte er jemals wieder eine tolle Geschichte erleben, wenn für seinen Vater nur Zahlen zählten?

Einen weiteren Anlauf unternahm Roman mit 25, mit der Gründung eines kleinen Verlages. Zu dieser Zeit hatte er auch eine vielversprechende Partie in Aussicht, sein Vater hatte ihm einen nicht unbeträchtlichen Betrag zur Verfügung gestellt und Roman war guter Dinge, auf dem Buchmarkt erfolgreich zu sein. Sogleich gelangte er auch günstig an die Übersetzungsrechte für Kafkas „Ein Hungerkünstler“, nahm zwei, drei junge, vielversprechende Autoren unter Vertrag, sowie ein altes, mit Preisen überhäuftes Zugpferd. Der Kaffee schmeckte seitdem besser, die Zigarre auch und die Hochzeit rückte näher. Erst wollten sie heiraten, dann ein oder zwei Kinder zeugen und schließlich wollte Roman seinem Vater stolz präsentieren, dass er es doch geschafft hatte. Dass aus ihm, dem Limonade trinkenden, Geschichten aufsaugenden Jungen ein Mann geworden war, der Geschichten verkaufte und sich deshalb so viel Limonade, Kaffee und Whiskey leisten konnte, wie er Durst hatte.

Zwei Wochen vor der Hochzeit ging Roman noch einmal in den Park. Es war der gleiche Park, den er auch als Siebenjähriger einmal besucht hatte und in dem er beobachtet hatte, wie der alte Mann einfach mit den Tauben davongeflogen war. Und er konnte schwören, es sich nicht eingebildet zu haben. Er setzte sich auf die gleiche Bank, von der aus er sein Limonaden-Imperium hatte aufbauen wollen und wartete. Worauf, wusste er nicht. Schließlich hatte sein Leben nun alles geliefert, was sein Vater bestellt hatte. Worauf wartete er also? Und als er sich das noch fragte, sah er ihn, den Mann mit dem Tauben und er fütterte sie und Roman konnte schwören, dass es derselbe sei. Und der Mann hielt inne, mitten im Füttern und schaute zu Roman hinüber, so als habe er das seitdem jeden Tag getan und als habe er sich jeden Tag ein klein wenig gewundert, dass Roman nicht dasaß und als würde er sich nun ein klein wenig freuen, dass er es nun doch tat.

Und als Roman ihm zuwinkte, winkte der Mann zurück und bedeutete ihm, zu ihm zu kommen, aber Roman zögerte, einen Moment zwar nur, aber dem alten Mann muss er ewig erschienen sein, denn schon gleich legte er seinen Mantel ab, Roman wollte schon schreien: „Halt, nicht davonfliegen“, aber da war es schon zu spät, da flog er schon davon und Roman sah ihn nie wieder und er rutschte von der Bank auf die Knie und weinte bitterlich und er weinte drei Stunden lang oder länger, ihm kam es vor, wie eine mehrfache Ewigkeit, bis ein kleines Mädchen kam und ihm auf die Schulter tippte. „Warum weinst du?“, fragte das Mädchen und Roman wusste es, wollte es aber nicht verraten; stattdessen lief er nach Hause, sagte die Hochzeit ab, machte den Termin beim Arzt aus und zündete sich eine besonders starke Zigarre an. Er wollte keine Geschichten verkaufen, sondern erleben und erzählen. Und er wollte seinem Vater keinen Stammhalter schenken, sondern selber leben.

Da fiel sein Blick auf das Familienbuch, in das demnächst die vollzogene Hochzeit hätte eingetragen werden sollen und er hatte eine Idee.

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