Das Erlebnis

Waldo warf seine Zigarette auf den Boden und machte sich auf. Er war schon spät und wollte die verlorene Zeit aufholen. Während er sein Jackette anzog, rief er seine Mutter an. Wenigstens sie sollte von seinem Vorhaben erfahren. Es tutete. Sie würde ihn auch nicht verstehen, sein Vorgehen aber gutheißen. Es tutete. Sie ging nicht dran. Waldo fiel ein, dass sie montags immer im Kirchenchor sang. Also musste er seinen Coup ohne ihr Mitwissen durchziehen. Er steckte den Schlüssel ins Zündschloss, trat die Kupplung und startete den Wagen. Sein C3 ruckelte wie eine Dampflock, rollte aber los. Er hasste es bei Dunkelheit zu fahren, aber heute ließ es sich nicht vermeiden. Als Erstes, nachdem er sicher auf die Hauptstraße eingebogen war, schaltete er das Radio aus. Er konnte keine Ablenkung gebrauchen. Zu viel stand auf dem Spiel. Zweifel waren nicht erlaubt. Er fuhr vorbei an Leuchtreklamen und Dönerbuden. Wie gut, dass sein Bruder von all dem nichts mitbekam. Er würde sich nur Sorgen machen. Verstohlen warf er einen Blick auf den Koffer neben sich. Er lag noch dort, wo er ihn am Morgen hingelegt hatte. Trotzdem hatte Waldo das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. War im Inneren des Koffers etwas verändert? Während der Fahrt konnte er ihn unmöglich öffnen. Noch einmal anzuhalten hatte er keine Zeit. Er musste sich selbst nun vertrauen, dachte er sich und musste dann lachen. Wie konnte er sich selbst noch vertrauen, nach all dem, was vorgefallen war?

Endlich hatte er sein Ziel erreicht. Er ließ sein Gefährt auf dem Hinterhof noch ein Stück rollen, um den Lichtkegel der Laterne zu verlassen, zog die Handbremse an und stellte den Motor ab. Bestimmt hatten sie ihn im Haus schon gehört und würden gleich herauskommen. Waldo dachte an Elke und wie sie einmal sanft seine Haut berührt hatte. Wenn das hier schief ging, würde sie es nie wieder tun können. Eine Tür ging auf und ein schwaches Licht fiel auf die Pflastersteine. Waldo erkannte einen Mann im Türrahmen. Es musste der Wirt der Kneipe sein, mit dem er die Vereinbarung getroffen hatte. Heute war es so weit, sie würden das Geschäft abschließen. Seine Hand lag auf dem Koffer, der Mann näherte sich dem Auto. Jetzt sah Waldo einen zweiten Mann im Türrahmen stehen. Er trug ein Sturmgewehr. Es klopfte an der Scheibe. Sollte er sie runterlassen? Wenn er jetzt den Motor startete und abrupt zurücksetzte, hatte er vielleicht noch die Möglichkeit, alles ungeschehen zu machen. Oder zumindest zu entkommen. Vielleicht sprang der Motor aber auch nicht an und er wäre verloren. Es klopfte erneut. Während seine rechte Hand den Koffer nun regelrecht auf den Sitz presste, ließ er mit der linken das Fenster herunter. Jetzt erst sah er, dass der Andere am Rauchen war. „Guten Abend Marvin“, die Worte erreichten ihn gleichzeitig mit dem Zigarettenqualm, was bedeutete, dass der Andere den Qualm vor den Worten ausgestoßen haben musste. Vor lauter Aufregung hatte er vergessen, dass er dem anderen ja nicht seinen richtigen Namen gesagt hatte. „Guten Abend Luigi“, er versuchte ein Lächeln, es gelang ihm nur mäßig, „wie geht es dir und deiner Familie?“ – „Der Familie geht es gut, aber wir sind nicht zum Plaudern hier.“ Waldo sah aus dem Augenwinkel, dass der Mann im Türrahmen sich ebenfalls eine Zigarette anzündete. Diese Beobachtung ließ ihn kurz stocken. Während Luigi keine Lust auf Plaudern hatte, zündete der andere sich eine Zigarette an. Was hatte das zu bedeuten? „Hast du das Zeug?“ Luigi schien es wirklich eilig zu haben, der Typ im Türrahmen telefonierte. „Ja, aber der Preis hat sich erhöht.“ Waldo verstand sich selbst nicht, aber die ganze Situation lud ihn zum Spielen ein. Und was hatte er schon zu verlieren? Luigi hustete. „Was hast du gesagt? Der Preis…“ Er hustete. „Hat sich verdoppelt?“ Waldo hatte von verdoppelt nichts gesagt, eher so an 10 % Aufschlag gedacht, aber jetzt verstand er es als Angebot. „Yo, verdoppelt, bläder Itaker.“ Wenn er schon dreist wurde, wollte er auch gefährlich wirken. Oder frech. Wie seine Schüler. Luigi schaute in Richtung Tür. Sein Helfer hatte aufgelegt und die Zigarette entsorgt. Luigi befahl ihm herzukommen. Noch nie hatte Waldo ein Sturmgewehr von so nahe gesehen. Ob es eine Heckler und Koch war? Sollte es ein G36 sein, würde er wohl nichts zu befürchten haben. Jeder wusste um die Ungenauigkeit dieser Waffe. Luigi sagte etwas auf Italienisch, Waldo verstand mehrfach das Wort „Marvin“ und dass Luigi aufgebracht war. Aber es ging ihm wie in der Schule, je mehr der Schüler sich aufregte, weil er sich ungerecht behandelt fühlte oder gar gerade beleidigt worden war, desto ruhiger wurde Waldo. So auch jetzt. Der Sturm war sein Element. Luigi machte ihm per Handzeichen deutlich, dass er aussteigen solle. Anscheinend fiel es ihm schwer, nahtlos vom Italienischen zum Deutschen zu wechseln, was Waldo wunderte, da er fast akzentfrei Deutsch sprach. Vielleicht versprach er sich auch von dem Handzeichen eine größere Wirkung. Er hatte sich getäuscht. Waldo blieb sitzen. Luigi versuchte die Türe selbst zu öffnen, vergebens, Waldo hatte von innen verriegelt. Nur das Fenster stand offen. Waldo zündete sich nun ebenfalls eine Zigarette an. Sein Handy klingelte. Es war sein Bruder, wie er unschwer am Klingelton erkennen konnte. Luigi bedeutete ihm nicht abzuheben, Waldo tat es. „Hallo Bruderherz, wo steckst du?“ Ein dritter Mann war im Lichtschein der offenstehenden Tür zu erkennen. „Wie du steckst in Schwierigkeiten?“ Ein vierter und fünfter folgten. Anscheinend hatte Luigi – aber wie hatte er es gemacht? – Verstärkung angefordert. „Ich muss hier selbst ein kleines Problem beheben, dann komme ich zu dir.“ Waldo sah, dass jeder der Männer bewaffnet war. „Gib mir zwei, drei Stündchen, dann bin ich bei dir.“ Die Männer hatten sich allesamt um Waldos Wagen postiert. „Aber sag Mutti nichts. Ich regel das.“ Es klirrte. Glasscherben fielen auf den Koffer. Man hatte ihm mit dem Lauf des Maschinengewehrs die Fensterscheibe zertrümmert. Waldo schaute zu Luigi. Der sah zufrieden aus. Der Wagen wackelte. Waldo blickte rüber und sah, dass zwei der Männer ihn schaukelten. Die Situation schien sich zuzuspitzen. Waldo stieg aus, verbeugte sich unmerklich und tötete Luigi mit einem Handkantenschlag gegen dessen Kehlkopf. Um sicher zu gehen, dass er im nächsten Moment nicht erschossen wurde, duckte er sich kurz, doch nichts geschah. Der Mann mit dem Maschinengewehr schien die Veränderung der Situation noch nicht realisiert zu haben. Waldo kam mit Schwung zurück aus der Hocke und zog sich auf das Autodach. Zwar waren vier Läufe nun auf ihn gerichtet, doch alle acht Augen blickten zu ungläubig als dass Gefahr von ihnen ausgehen konnte. Waldos Handy klingelte erneut, doch für seine Mutter hatte er diesmal keine Zeit. Ein Sprung, er landete mit der Fußsohle im Gesicht des Maschinengewehrmannes, die Nase knackte, ein Schrei, es war ein leichtes, ihm die Waffe zu entwenden. Sie war bereits entsichert, ein kurzer Sprint um den Wagen, die übrigen drei Männer waren Geschichte. Der letzte Überlebende lag mit gebrochener Nase auf dem Boden und winselte. Alles hatte sich innerhalb weniger Augenblicke abgespielt. Waldo steckte sich eine Zigarette an und zückte sein Handy. Diesmal ging seine Mutter sofort dran. „Ja, Mama, ich komme gleich. Aber du brauchst mit dem Essen nicht auf mich warten. Ich hole mir einen Döner. Ach und übrigens. Ich will nachher noch zu Henry, er hat angerufen.“ Der Typ winselte lauter. Waldo trat ihm mit dem Fuß in die Seite und tippte mit seinem Finger an die Lippen. Er konnte seine Mutter kaum verstehen. „Achso, der Chor ist heute ausgefallen, weil der Kantor krank ist und du konntest nur deswegen nicht ans Telefon gehen, weil du Verstopfung hattest.“ Er wusste, dass seine Mutter es mochte, wenn er jedes ihrer Worte noch einmal wiederholte. Es hatte sie fertig gemacht, dass sein Vater ihr nie zugehört hatte und Waldo versuchte das wiedergutzumachen. „Also, bis nachher. Ich hab dich lieb, Mama.“ Er legte auf, ließ das Handy in der Innentasche seines Jacketts verschwinden und wandte sich dem auf dem Boden Liegenden zu. „He, Kanacke, bring mir das Geld raus. Die Lieferung verzögert sich. Und wenn du vorne rum rausmachst, find‘ ich dich.“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht und Hass im Blick stand der Angesprochene auf. Waldo spuckte aus. All das Blut nervte ihn, aber insgesamt war er zufrieden. Wieder einmal hatte ihm seine körperliche Fitness gute Dienste geleistet. Er kratzte sich am Hoden, untersuchte das Maschinengewehr – es handelte sich tatsächlich um eine Heckler und Koch – checkte seine Mails und freute sich, als der Beschädigte mit zwei Plastiktaschen wieder aus dem Haus kam. Ein Blick genügte, beide Taschen waren tatsächlich voller 100er-Scheine. Kurz überlegte er zu überprüfen, ob es sich nicht um Fälschungen handelte. Dann entschied er sich dagegen. Wo sollte die Welt denn hinkommen, wenn jeder dem Nächsten misstraute. Er war da anders erzogen worden. Er bedankte sich, zögerte, zog eine Hand voll Scheine aus der Tüte und steckte sie dem Anderen zu. Sollte er sich doch seine Nase richten lassen, dann kam wenigstens er aus dem Ganzen glimpflich raus. Um die Übrigen tat es ihm leid, aber er konnte es nicht ändern. Er stieg in den Wagen und setzte vorsichtig zurück. Es knackte als er über einen der Leichname fuhr. Waldo hörte es nicht, denn er hatte als Erstes das Radio eingeschaltet. Er brauchte nun etwas Zerstreuung. Als er wieder über die nächtlichen Landstraßen rollte, erinnerte ihn der eindringende Fahrtwind an die zerstörte Beifahrerseite. Womöglich könnte sein Bruder Verdacht schöpfen. Das durfte auf keinen Fall passieren. Henry war zu jung und zu arglos, um sich über solcherlei Dinge den Kopf zu zerbrechen. Es tutete. Er hatte die Nummer seines Bruders per Schnellwahltaste bereits gewählt. „Henry, bist du’s? Ja, ich bin unterwegs. Wieviel brauchst du? Was glaubst du, was ich eben für ein Erlebnis hatte? Gerade hatte ich mich auf den Weg zu dir gemacht, da fliegt mir während der Fahrt eine dicke Eule gegen die Beifahrerscheibe. Das hat vielleicht gerappelt. Aber das lasse ich morgen machen. Ich sag noch kurz Mutti Guten Abend, dann komme ich.“ Waldo legte auf und lächelte zufrieden. Sein Bruder würde sich keine Sorgen machen, weil er sich keine Sorgen machen wollte. Und seine Mutter liebte ihn zu sehr, um ihn wegen der zerbrochenen Scheibe zu schimpfen. Er steckte sich eine weitere Zigarette an und genoss den Fahrtwind und das Gefühl von Freiheit auf seiner Haut.

–Ende–

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