Ödipus auf Abwegen

Ich nähere mich ihr von hinten. Der Raum ist beinahe noch leer. Nur ihr Sessel steht in der Mitte. Ihr Lieblingsessel und sie sitzt in ihm. Ob sie erschöpft ist, kann ich nicht sagen, nehme es aber an.

„Gefällt es dir?“

Sie reagiert nicht, so dass ich mir nicht sicher bin, ob sie mich überhaupt gehört hat. Wiedermal bin ich verunsichert.

„Kai?“

Ich höre ihre Stimme heute zum ersten Mal. Sie klingt merklich älter als gestern. Vielleicht liegt es aber auch an der überspannten Gereiztheit, die seit dem Aufstehen von mir Besitz ergriffen hat.

„Ja?“, antworte ich zögerlich. Diesmal etwas lauter.

„Ich war mir nicht sicher, ob du es bist.“

STILLE

Sollte ich um ihren Sessel herumgehen, ihre Hand nehmen, in meine legen? Wie konnte sie daran zweifeln, dass ich es war?

„Warum hast du ständig Angst?“

Ihre Frage traf mich wie ein Schlag. Ich fühlte mich ertappt.

„Elisabeth, nein.“, antwortete ich und merkte, indem die Worte aus meinem Mund tropften, dass ihre Frage damit nicht beantwortet war. Vielmehr unterstellte ich ihr, mich falsch erkannt zu haben, obgleich ich ihr insgeheim Recht geben musste.

„Angst füllt den Raum, es ist kaum Platz für mich und meinen Sessel.“

„Doch, ich habe die Tür geöffnet und meine Liebe hereingelassen.“

Tränen standen in meinen Augen, endlich, seit Jahren. Hastig wischte ich nach ihnen.

„Kai, bist du es?“

Elisabeths Frage drang in mein Herz und spülte die Arterien. Ich war nackt vor ihr. Berührt, unangenehm.

„Elisabeth, mir fröstelt.“

„Komm zu mir, ich wärme dich.“

Erst als ich auf ihrem Schoß saß, merkte ich, dass auch sie nackt war. Ihre schlaffen Brüste spürte ich nicht.

„Erzähle mir, wie du aussiehst.“

„Auf meinen Schultern trage ich Lasten, die außer dir niemand sehen kann. Meine Seele ist zerfetzt, aber sie funktioniert noch. An meiner Brust trage ich das Tattoo eines Ordens, mir verliehen am Rande des vergangenen Krieges. Ich bin der Schönste unter meinen Geschwistern, nur du Mutter, bist noch schöner als ich.“

Elisabeth schwieg.

Ich wusste nicht, wie lange ich dieses Spiel noch aushalten würde. Sie war blind, frustriert, geistig umnachtet. Ich würde wieder zu spät zur Arbeit kommen. Seit der Scheidung von meiner Frau lebte ich mit ihr in einem Haus, am Rande der Stadt, in der ich aufgewachsen bin.


Drei Tage später erwürgte ich einen Arbeitskollegen. Er hatte mich einen Hurensohn genannt. Sie kam in ein Heim. Der Anwalt sagte es mir. Einander besucht haben wir uns nie.

Einer meiner Mithäftlinge hatte seinen Vater erschlagen. Vielleicht hatte er, im Gegensatz zu mir, den Richtigen getroffen.

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