Lebenslügen

Muro war sauer. Lembrecht hatte ihn belogen. Das Leben war gar nicht schön. Muro hatte aufbauend auf dieser Lüge nun aber all seine weiteren Entscheidungen getroffen. Zum Beispiel hatte er Tina, seine gutaussehende, naive Frau geheiratet und war mit ihr glücklich geworden. Und er hatte einen Beruf ergriffen, mit welchem er anderen Menschen die Schönheit der Welt offenbaren wollte. Er war Mathematik- und Physiklehrer. Nicht zuletzt hatte er sich sein Leben lang in der Freiwilligen Feuerwehr seines Dorfes engagiert. In all den Jahren hatten sie nur wenige Brände, aber so manchen Durst gemeinsam gelöscht. Das alles war passé und hatte auf falschen Vorstellungen beruht.

Lembrecht saß in Muros Garten. Es tue ihm leid, hatte er kleinlaut erklärt, er habe sich ja selbst getäuscht, ihm gehe es momentan nicht besser und er könne sich gut vorstellen, wie er, Muro, sich gerade fühlen müsse. Ein Motorrad fuhr vorüber, Lembrecht schwenkte den Cognac in seinem Glas. Muro war nicht sonderlich groß, 1,65 m vielleicht, etwas untersetzt wie es Männern in diesem Alter gut stand. Silbernes Haar, eine Stirn bis zum Hinterkopf. „Was hast du dir nur dabei gedacht, Lembrecht?“ Lembrecht reagierte nicht, schon allein deshalb, weil Muro diese Frage bereits zum fünften Mal gestellt hatte. Stattdessen zog er an seiner Zigarette, stieß den Qualm aus und schnippte den Stummel in Muros Garten. Das war jetzt auch egal. In der Ferne bellte ein Hund. „Du bist ein Arschloch, Lembrecht, und du weißt es.“ Der Angesprochene verzog wiederum keine Miene. Er war groß, gutaussehend, seine gebräunte Haut half ihm, anders als Muros Käsekuchenteint, sein Alter zu verbergen. „Was regst du dich so auf, Murre? Du hast dem Ganzen doch nie getraut. Und ja, nun hast du eben Recht.“ Die erhoffte Zustimmung blieb aus. Muro fehlte es hier wieder einmal an Humor. Ihm war die Sache ernst. Ein Auto fuhr vor. „Tina kommt“, entfuhr es ihm und gleichsam kam in ihm das Gefühl auf, ihr nun alles erklären zu müssen. Lembrecht hatte Recht. Er hatte dem Ganzen nie ganz getraut. Hatte immer einen Restzweifel behalten. Aber irgendwann, weil alles so gut funktionierte, es sich abgewöhnt, ihn zu artikulieren. „Hallo ihr zwei. Oh, ihr steht ja da, wie sieben Tage Regenwetter.“ Tina stand da, mit ihrem Rock bis zu den Knien und ihrer sommerlichen Bluse. Die faltige Haut ihrer Oberarme und die Krampfadern an ihren Beinen schienen sie nicht zu stören. Lembrecht pfiff anerkennend: „Schickes Outfit, Tienchen.“ – „Danke, ich gebe das Kompliment gerne zurück, Lembi. Und wie geht es dir, alter Mann?“ Sie klopfte Muro aufmunternd auf den Rücken und gab ihm einen Begrüßungskuss auf die rechte Wange. „Mh, Tina, meine Liebe, wie soll ich es sagen? Lembrecht hat mir eben…“ – „Ach lass doch, mein Lieber, von euren Männerthemen verstehe ich doch sowieso nichts. Was haltet ihr davon, wenn ich uns etwas Nettes zu Essen mache und du dann einfach etwas schöner schaust, wenn ich wiederkomme?“ – „Tinalein, du bist ein Engel. Bis du wieder da bist, habe ich meinen alten Freund wieder aufgemuntert.“

„Du bist ein Schuft Lembrecht“, stieß Muro gedämpft hervor, als Tina im Haus verschwunden war. „Hab dich doch nicht so, alter Junge. Du hast doch das ganze Leben lang mit dieser Lüge gut gelebt. Jetzt wirst du das Spiel auch noch zu Ende spielen können.“ Während er das sagte, strich er sich mit dem rechten Daumennagel über die linke Augenbraue. Ein Vogel zwitscherte. Und Muro spürte, dass er Hunger hatte.

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