Annäherung an den Protagonisten: Frederick

„Hallo Frederick, wie geht es dir?“

Er antwortet mir nicht, beide Ellbogen auf dem Tisch, verschwindet der Kopf zwischen seinen Schultern. Ich sehe nur seine Baseballkappe. Mir ist klar, dass nicht mit mir reden will, aber ich versuche es immer wieder. Das istmein Job und ich mags auch gerne, aber Frederick ist ein harter Fall, seine Anwälte tun alles für ihn, seine Eltern nichts, außer seine Anwälte zu bezahlen. Frederick macht dicht. Kooperiert nicht. Will nicht mit mir spielen. Ich versuche meinen Klienten mich spielerisch zu nähern. Das klingt albern, funktioniert aber. Bin da von Schiller beeinflusst, der geschrieben hat, dass der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt. Und Klienten, die wieder anfangen zu spielen, werden zu Menschen. Dann löst sich unsere starre Sozialarbeiter-Klientenbeziehung und es kommt Bewegung in die Sache.

„Komm, Fred, wir gehen.“

Noch immer weiß ich nicht, wie ich ihn ansprechen soll, also tue ich es so, wie ich mich am wohlsten fühle.

Er steht auf. Behäbig, nicht störrisch, aber sehr langsam.

Ich gehe auf den Wärter zu, nicke ihn freundlich an, er schließt uns die Tür auf. Der Besuchsraum ist nicht sonderlich groß, ein Tisch in der Mitte, zwei Stühle dran, eine künstliche Orchidee drauf. An der Wand ein Bücherregal. An ihm bleibt mein Blick kurz kleben, weil ich mich wundere, was sie in einem Besuchsraum mit einem Bücherregal anfangen, aber insgeheim freue ich mich.

Missmutig trottet Frederick hinter mir her. Irgendwie stelle ich mir immer vor,seine Hände seien mit Handschellen gefesselt, aber das ist nicht der Fall, für so gefährlich halten sie ihn nicht. Ich bin mir nicht immer sicher. Weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Irgendwann, wenn ich das alles hinter mir habe, schreibe ich ein Buch darüber. Irgendwann. Jetzt muss ich mich aber um Frederick kümmern. Wir sind im Innenhof angelangt. Die Sonne scheint. Insgesamt sehen mir alle Menschen gerade freundlich aus. Nur Frederick nicht. Seine dunkle Trainingsjacke und die schwarze Skinny-Jeans absorbieren jegliches Licht. Seine Ausstrahlung tut ihr übriges. Seine Kindheit habe ich mir schon diverse Male vorzustellen versucht. Heute im Sonnenlicht könnte es mir vielleicht gelingen. Noch lieber aber würde ich endlich einmal mit ihm reden. „Fred.“

Er schaut mich an. Ich bin fast ein bisschen erschrocken. „Vermisst du deine Mutter?“

Er senkt seinen Blick wieder. Anscheinend habe ich es wieder verkackt. Aber was hätte ich den fragen sollen? Ich greife in das Innere meiner Jackentasche und halte ihm, ohne etwas zu sagen, den Playboy entgegen. Zu meiner Überraschung nimmt er ihn entgegen. Sex sells nicht nur, er opens auch. Ich denke kurz an meinen behinderten Bruder, schiebe das Bild aber schnell wieder weg, weil ich mich auf meine Arbeit konzentrieren will. Er fängt an zu blättern. Ob es ihm gefällt, erkenne ich nicht. Jugendliche in seinem Alter haben längst Brüste und Muschis gesehen, nichts was sie schockt, keine Gewalt, kein Bukakestyle, nichts Verwerfliches, wenn man nicht so prüde aufgewachsen ist, wie ich das bin.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.